IM BLICK: Georg Baselitz zum 80. Geburtstag

23.01. – 18.2.2018

Anlässlich seines achtzigsten Geburtstags und Georg Baselitz zu Ehren präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München in der Reihe ihrer Studioausstellungen IM BLICK Meisterblätter aus zwei herausragenden Werkgruppen seines Schaffens.

To honour Georg Baselitz on the occasion of his 80th birthday, the Staatliche Graphische Sammlung München is presenting graphic masterpieces by this artist as part of its IM BLICK series of studio exhibitions.

Helden

Mit „Helden“ schafft Georg Baselitz zwischen 1965 und 1966 zuerst in Florenz während seines Aufenthalts als Stipendiat in der Villa Romana und später in Westberlin eine in sich geschlossene Werkgruppe aus Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken. Sie umfasst rätselhafte Porträts, die über die Bildtitel als junge Helden, Rebellen, Partisanen, Hirten und Aufständische aber auch als junge Maler auszumachen sind. Trotz ihrer überzeichneten massiven Körperlichkeit und ihrer zur Schau gestellten Virilität wirken sie inmitten apokalyptischer Landschaften geschunden und versehrt und alles andere als heroisch. In Melancholie versunken, kommen sie daher wie aus der Zeit gefallene märchenhafte Riesen, für die es in der Realität keinen Platz gibt – so nah sie uns auch in ihrer Wesenheit bis heute sind. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung wurden sie als reinste Provokation empfunden, zeigten sie doch einen „Neuen Typ“ von „Helden“, der zum deutschen Wirtschaftswunder der 1960er Jahre einen Anachronismus darstellt, wiewohl diese Jahre uns heute als eine Zeit des Vergessens und Verschweigens immer bewusster werden. Mit Sicherheit geht der „Neue Typ“ des „Helden“ – Alter Ego einer ganzen jüngeren Künstlergeneration – seiner Zeit voraus, nimmt er doch in allen Widersprüchen der Bildsprache das politische Aufbegehren der 68er-Bewegung vorweg.

Helden (Heroes)

With “Heroes” Baselitz has created a cohesive group of works consisting of paintings, drawings and prints made between 1965 and 1966, initially during his residency at the Villa Romana in Florence and later in West Berlin. They comprise enigmatic portraits, whose titles enable us to identify them as young heroes, rebels, partisans, shepherds and dissidents, but also young painters. In spite of their exaggeratedly bulky physiques and their demonstrative virility, they appear battered and crippled and anything but heroic in the midst of apocalyptic landscapes. Sunk in melancholy they look like old-fashioned, fairy-tale giants who have no place in reality – however familiar these creatures may still feel to us today. At the time of their creation they were perceived as pure provocation, depicting a “New Type” of “Heroes” which represented an anachronism to the German economic miracle of the 1960s, although today we are becoming more and more aware that these years were a period of forgetting and silencing. The “New Type” of “Heroes”, the alter ego of a whole generation of younger artists, was certainly ahead of its time: indeed all the contradictions of its visual idiom foreshadow the political revolt of the movements of 1968.

„Im Blick“ – Staatliche Graphische Sammlung München zeigt Ausstellung zum 80. Geburtstag von Georg Baselitz

Malelade

Das im Wendejahr 1989 entstandene Malerbuch „Malelade“ holt zeithistorisch weiter aus, blickt vor und zurück, wenn Baselitz die Wesenheit deutscher Geschichte und Geschicke thematisiert. Schon das Wortspiel des Titels „Malelade“ changiert zwischen den Extremen einer infantilen Idiotensprache, wie Baselitz es formuliert, und dem weitsichtigen intellektuellen Fazit eines „peintre maudit“ – eines im Sinne des französischen Existentialismus in die Welt geworfenen Künstlers. Fortlaufende rudimentäre Wortfetzen wie „Romantiker // kaputt“ oder „viel Nacht sein kommen“ sowie „sein wider Schutz // und ohne Kleid // dummer Junge Esel“  entwerfen einen Kosmos sinnstiftender und zugleich paradoxer Bezüge. Niemand anders als der Künstler selbst verbirgt sich hinter diesem Zwiegespräch. Die ungelenke brüchige Handschrift der radierten Schriftzüge forciert den Widerspruch semantischer und syntaktischer Ungereimtheiten einmal mehr und geht in den Motiven von Baselitz‘ dezidierter Ikonographie auf. Somit entwirft er ein facettenreiches Bild eines zerrissenen deutschen Sentiments, das nicht zur Ruhe kommt. Kein zweites Mal hat Georg Baselitz so sprach- und bildgewaltig den Ist-Zustand der „conditio humana“ der Moderne in der Druckgraphik auf den Punkt gebracht.

Installation and Drawing

The painter’s book “Maledale” was created in 1989, the year in which Germany’s reunification process began, and it draws more out of contemporary history, looks backward and forward, when Baselitz takes the essence of Germany’s history and fate as his theme. The play on words of the title, “Malelade”, already oscillates between the extremes of what Baselitz describes as an infantile, idiotic use of language and the far-seeing intellectual résumé of a “peintre maudit”, in the French Existentialist sense of an artist cast out into the world. Continuous rudimentary scraps of words like “Romanticist // broken” or “much night are come” or “his against protection // and without dress // dumb Young Donkey” develop a cosmos of simultaneously meaningful and paradoxical references. It is none other than the artist himself who stands behind this dialogue. The awkward, unsteady handwriting of the etched lettering further underscores the contradictions of the semantic and syntactic inconsistencies and merges into the motifs of Baselitz’s deliberate iconography. In this way he develops a multifaceted image of a torn German sentiment that never comes to rest. Never again has Baselitz encapsulated the current state of the modern “conditio humana” in prints possessing so much verbal and visual power.


 

Zugleich ist diese Kabinettausstellung einmal mehr Reverenz an unseren langjährigen Förderer Herzog Franz von Bayern. Er zählt zu den frühen Sammlern von Georg Baselitz und ist bis heute dem Künstler eng verbunden. Einzig seinen großzügigen Schenkungen ist es zu verdanken, dass der Graphiker Georg Baselitz in so erlesener Qualität in der Staatlichen Graphischen Sammlung München vertreten ist.

At the same time, this studio exhibition once again serves to express our esteem for our patron of many years: Herzog Franz von Bayern. He was among Baselitz’s first collectors and remains very close to the artist today. It is only because of his generous gifts that the Staatliche Graphische Sammlung München can represent the graphic artist Georg Baselitz in such exquisite quality.

Malelade, Blatt 40 der Folge, 1989, © Georg Baselitz 2017