wild & zahm

Die Staatliche Graphische Sammlung München bewahrt überraschende und lustige, lehrreiche und technisch raffinierte Tierdarstellungen aus sechs Jahrhunderten. Besuchen Sie uns und lassen Sie sich die Zeichnungen und Druckgraphiken im Original vorlegen.

Studiensaal

Tusche, Aquarell, Deckfarben, 141 x 91 mm, Inv.-Nr. 13545 Fohn

Affen

Franz Marc (München 1880 - 1916 bei Verdun) malte die beiden Affen 1913 auf eine Postkarte mit einer "Botschaft an den Prinzen Jussuff", Alter Ego der Schriftstellerin Else Lasker-Schüler in Berlin, mit der er befreundet war. Das kleine Blatt ist so sorgfältig ausgeführt wie ein Gemälde und tatsächlich schickte Marc oft Ideen und Enwürfe zu seinen Gemälden an seine Brieffreundin.

Adolph von Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin), Adler, Gouache, 229 x 120 mm, Inv.-Nr. L 544, Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung

Der Adler

Für die Kinder seiner Schwester begann Menzel 1863 Tierdarstellungen zu sammeln, die einmal ein Album füllen sollten. Er verfolgte die Idee 1883, als die Kinder längst erwachsen waren. Der undatierte „Adler“ zählte zu dieser Sammlung von überwiegend wilden Tieren, die der Künstler jedoch im Berliner Zoo studierte.

Holzschnitt, 250 x 302 mm, Inv.-Nr. 14106 D

Das Rhinozeros

Staunen ging durch Europa, als 1515 erstmals ein lebendes Rhinozeros nach Amsterdam gebracht wurde. Albrecht Dürer (Nürnberg 1471 – 1528 ebenda) war vor Ort und sein Holzschnitt bot allen, die nicht dorthin reisen konnten ein erstes Bild dieses urtümlichen Tiers.

Der Blick des Menschen

... auf das Tier ist immer wieder ein anderer. Seit der Jungsteinzeit gibt der Mensch diesem Blick in Bildern Ausdruck. Von jeher faszinierte ihn an Tieren deren Andersartigkeit und oft auch Überlegenheit. Seine Existenz hängt von ihnen ab, er versteht es, sie zu zähmen, sich untertan zu machen und hält sie als ungebetene wie nützliche, oft auch als geliebte Hausgenossen.

Dabei war der Blick des steinzeitlichen Jägers auf die Tiere natürlich ein anderer als der des Viehzüchters, und dessen Sicht wieder eine andere als die des Ackerbauern oder des Städters, ganz zu schweigen vom Blickwinkel einer barocken Jagdgesellschaft oder eines Tierschutzaktivisten heute.

Immer auch wird sich der Mensch gefragt haben, warum es eine so ungeheure Vielfalt von Tieren so unterschiedlicher Eigenschaften gibt. Diese Diversitäten trugen dazu bei, Tiere seit Urzeiten mit symbolischen Bedeutungen zu verbinden, sie als Gottheiten zu verehren oder in ihnen Repräsentanten bestimmter Eigenschaften zu erkennen.

Je nach dem, was Künstler in den Tieren sehen und bewundern, werden sie nach Stilisierung streben, die die Formen aufs Wesentliche verknappen, oder sich auf das genau beobachtete Detail konzentrieren, um dem Mirakel des Lebens auf die Spur zu kommen.

Hans von Marées, Rötel auf weißem Papier, 596 x 434 mm, Inv.-Nr.

Die Entführung des Ganymed

Hans von Marées

(Elberfeld 1837 – 1887 Rom) schuf diese Zeichnung. Sie ist Teil des Arbeitsprozesses an seinem letzten Gemälde, „Entführung des Ganymed“, das sich heute in der Neuen Pinakothek in München befindet.

Zeus verliebte sich den trojanischen Königssohn Ganymed und entführte ihn, in einen Adler verwandelt, auf den Olymp, wo er als Mundschenk der Götter ewig lebte. Ganymed steht für erotisches Begehren, aber auch für die Erhebung der menschlichen Seele über das Irdische. In diesem Sinne steht Ganymed bei Marées in existentiellem Zusammenhang zum Selbstverständnis des Künstlers, der für ihn in besonderer Weise des Göttlichen teilhaftig war. Die Entführung zu den Göttern verbindet sich daher mit Marées’ eigener Lebenssituation, sprach er doch während der Arbeit an diesem Gemälde immer wieder über den Tod.

Das Blatt zeigt eine zentrale Idee der Komposition, die Marées erst während der Arbeit am Gemälde erreichte: Zuerst wurde Ganymed vom Körper des Adlers verdeckt in den Himmel getragen. Dann zeigte der Künstler den Jungen dem Betrachter zugewandt, so dass für die Figur eine entsprechende Aktkomposition gefunden werden musste. Genau diese Umformulierung der Komposition ist im vorliegenden Blatt festgehalten.

Leda mit dem Schwan

Franz Marc

(München 1880 - 1916 bei Verdun) greift 1907 auf ein erotisches Thema der Mythologie zurück: Der griechische Gott Zeus suchte die Königstochter Leda von Aitolien in Gestalt eines Schwans heim, um mit ihr Kinder zu zeugen. Die Geschichte erfreute sich seit der Renaissance großer Beliebtheit und wurde seither vielfach dargestellt. Besonders ein Gemälde von Correggio in Berlin scheint dem Künstler Pate gestanden zu haben: Leda und der Schwan sind vergleichbar zueinander gesetzt und der Hals des Schwanes ist ebenfalls an die sitzende Leda geschmiegt, ihr Kopf nach unten geneigt. Mit expressiven Pinselstrichen entwickelte Franz Marc die hier gezeigte Szene auf Dreiviertel einer Skizzenbuch-Doppelseite. Das zwischen 1904 und 1908 benutzte „Skizzenbuch II“ wurde später aufgelöst.

Franz Marc, Tempera, schwarze Tusche, Deckweiß, 292 x 388 mm, Inv.-Nr. 1960:48 Z
Lambert Doomer, Feder in Braunschwarz, braun und grau laviert, 189 x 238 mm, Inv.-Nr. 2058 Z

Ziegenkopf

Lambert Doomer (1624 – 1700)

Der Sohn eines Amsterdamer Schreiners, der für Rembrandt Bilderrahmen herstellte, wurde Schüler dieses führenden Malers seiner Zeit. Doomer sammelte später sogar dessen Zeichnungen. Mit zupackendem Strich wurde der holländische Barockmaler ein Zeichner, der es wie sein Lehrer verstand den kraftvollen Eindruck des Lebens mit wenigen Strichen festzuhalten.

Heranspringender Reiter über gefallenem Gegner

Tizian (Pieve di Cadore um 1488/90 - 1576 Venedig)

Das Motiv des Reiters über gefallenem Krieger ist von führenden italienischen Künstlern der Renaissance in Entwürfen durchdacht und erprobt worden. Es verbindet das Reiterstandbild mit einer Kampfszene und spielt auf Sieg, Macht und Ruhm an. Tizian steigerte die Dramatik des Geschehens, indem er die Gruppe in die Dreiviertelansicht wendete. Der Beschauer blickt aus starker Untersicht über die zur Seite gekippten Knie und Unterschenkel des Gefallenen hinweg. Das steigende Pferd und der schemenhafte Reiter werden zum Sinnbild entfesselten Kampfesrausches. Alle Würde des Standbildhaften, aller mythologischer Glanz tritt hinter der Verbildlichung alptraumhafter Raserei zurück. Tizians Streben nach künstlerischer Monumentalität im Reiterbild zielt nicht darauf ab, Macht zu symbolisieren, sondern ein drastisches Sinnbild diabolischen Vernichtungswillens zu schaffen.

Tizian, Schwarzer Stift, weiß gehöht, in schwarzem Stift quadriert, 350 x 251 mm, Inv.-Nr. 2981 Z