DANIEL GRÜTTNER
OUT OF THE WEB
05.02.2026 – 03.05.2026

Daniel Grüttner, Ecco, 2025, Öl auf Nessel / Oil on nettle, 65 × 56 cm, Foto: Matthias Kolb, © Daniel Grüttner

Mit der aktuellen Ausstellung Daniel Grüttner – Out of the Web erörtert die Staatliche Graphische Sammlung München zum wiederholten Mal die Frage nach dem Stellenwert der Zeichenkunst im 21. Jahrhundert. Das Projekt bildet den Auftakt zu drei aufeinanderfolgenden Ausstellungen im Jahr 2026, die das Verhältnis zwischen Malerei und Zeichnung innerhalb eines individuellen künstlerischen Œuvres diskutieren.

Neu ist, dass Grüttner sich mit seiner aktuellen Ausstellung auch als Zeichner vorstellt. Bisher unbeachtet blieb, dass er normalerweise in dem Zeitraum, in dem ein einzelnes Ölbild entsteht, geradezu tagebuchartig den Schaffensprozess im Atelier mit Zeichnungen begleitet. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass er die vom Tagewerk mit Ölfarbe gesättigten Pinsel auf Papierbögen fieberhaft „ausstreicht“. Tatsächlich aber reflektiert er beim Zeichnen mit Verve sein Tagewerk – das aktuelle Bild, das sich im Werden befindet, kommentiert, überdenkt und treibt er von Zeichnung zu Zeichnung weiter. Im Kontext der Gemälde kommt den Blättern damit eine nicht geringe Bedeutung zu, da sie weder Skizzen oder Vorstudien darstellen noch im Nachgang zu einem Bild als eine Art Reflexion oder Kommentar zu verstehen sind. Vielmehr sind sie ebenbürtige Dialogpartner im voranschreitenden Prozess der Werkgenese. Das erklärt im Fall seiner jüngsten monochromen Gemälde auch die außerordentliche Dynamik und Spannung der zeichnerischen Grapheme auf jedem einzelnen Zeichnungsblatt, wenn die Gestaltform jenseits der Farbe für den schöpferischen Prozess unabdingbar wird.

Daniel Grüttner, Genese IV, 2024, Ölkreide, Kohle, Graphit / Oil pastels, charcoal, graphite, 594 × 420 mm, Foto: SGSM, © Daniel Grüttner
Daniel Grüttner, Genese V, 2025, Öl, Graphit / Oil, graphite, 420 × 297 mm, Foto: SGSM, © Daniel Grüttner

Ein zentrales künstlerisches Phänomen, das ihn in seinem Werk umtreibt, ist die grundsätzliche Überlegung, wie sich im Schaffensprozess jenseits der planen Oberfläche malerisch ein Bildraum einstellt und festgehalten werden kann, ohne zu erstarren. Gerade weil die Farbigkeit in der Werkgruppe Out of the Web nicht im ersten Rang steht, wird dieser Prozess für den Betrachter zur reizvollen visuellen Herausforderung. Mit großer Sicherheit gelingt es Grüttner in dieser minimalistisch anmutenden Serie, einzelne Strichtypen und Spolien, die zunächst nur den Eindruck ephemerer Gesten erwecken, im monochromen Bildraum so zu balancieren, dass sie eine überzeugende Komposition darstellen und doch flüchtig erscheinen. Pentimenti sind hier kaum möglich, da sie sich fraglos als sichtbare Spuren abzeichnen würden.

Beeindruckend ist, wie es Grüttner gelingt, trotz der monochromen Bildgründe in Gelb oder Blau sowie mehrheitlich in einem farblosen Weißgrau die Quintessenz seines malerischen Denkens ins Bild zu setzen. Mehr noch unterstreicht die Monochromie die Konsequenz seiner malerischen Gedankenwelt und ruft zugleich sein vielfarbiges Werk in Erinnerung, das damit umso radikaler wirkt. Andererseits strahlen die abstrakten Bildräume der nicht weniger komplexen monochromen Kompositionen eine ungewöhnliche Form von Ruhe gegenüber seinen bekannten impulsiven Farbwelten aus. In der Zusammenschau fällt ins Auge, dass auch hier die Frage von Form und Nichtform außer Diskussion steht. Das Bild wird vielmehr im Zustand des Entstehens und Vergehens gehalten, womit die Suche nach einem Motiv obsolet ist – eine konzeptuelle Entscheidung, die als das Nonplusultra abstrakter Malerei gelten kann, sich aber selten überzeugend einstellt.

Es ist unerheblich, ob das Werk von Grüttner als gegenständlich oder ungegenständlich, will sagen figurativ oder non-figurativ zu bezeichnen ist, wenn ihn vielmehr der transitorische Zustand zwischen diesen Polen interessiert, in dem er seine Werke halten will, wenn er sie für gültig erklärt und aus dem Atelier entlässt.

Sicher ist, dass der Maler und Zeichner Daniel Grüttner die lustvolle Introspektion unter dem Titel Out of the Web weniger als eine Zäsur denn mehr als eine Reflexion seiner künstlerischen Mittel versteht. Sie stellt einen Moment des Innehaltens dar, bevor er sich anderen künstlerischen Fragestellungen zuwenden wird und in neue Bildwelten voranschreitet.

Michael Hering

Direktor Staatliche Graphische Sammlung München

Daniel Grüttner, Black and Blue, 2025, Glasierte Keramik / Glazed ceramics, 28 × 17 × 12 cm, Foto: Martin Mueller, © Daniel Grüttner

With the current exhibition Daniel GrüttnerOut of the Web, the Staatliche Graphische Sammlung München is once again addressing the question of the significance of drawing in the 21st century. The project kicks off a series of three consecutive exhibitions in 2026, exploring the relationship between painting and drawing within an individual artistic oeuvre.

What is new here is that Grüttner also presents himself as a draftsman in his current exhibition. A previously unnoticed detail was that he normally accompanies the creative process in his studio with drawings, almost like a diary, during the period in which a single oil painting is created. You might get the impression that he feverishly "smears" the brushes saturated with oil paint from his day's work onto sheets of paper. But in fact, he enthusiastically reflects on his day's work while drawing – commenting on, rethinking, and continuing to develop the current painting, which is still in progress, from drawing to drawing. In the context of his paintings, these sheets are of considerable importance, as they are neither sketches nor preliminary studies, nor are they to be understood as a kind of reflection or commentary on a painting after the fact. Rather, they are equal partners in the ongoing process of the work's genesis. In the case of his most recent monochrome paintings, this also explains the extraordinary dynamism and tension of the graphic elements on each individual sheet of paper, when the form beyond the color becomes indispensable to the creative process.

Daniel Grüttner, Argos V, 2024, Öl, Graphit / Oil, graphite, 420 × 297 mm, Foto: SGSM, © Daniel Grüttner
Daniel Grüttner, Argos II, 2024, Öl, Graphit / Oil, graphite, 594 × 420 mm, Foto: SGSM, © Daniel Grüttner

A central artistic phenomenon preoccupying Daniel Grüttner in his work is the fundamental consideration of how, in the creative process, a flat surface can be established and captured beyond the flat canvas without becoming rigid. Precisely because color is not the primary focus in the Out of the Web series, this process becomes an appealing visual challenge for the viewer. In this seemingly minimalist series, he confidently manages to strike a balance in the monochrome pictorial space, dovetailing those individual types of strokes and spoils that seem merely ephemeral gestures in such a way that they form a convincing composition and yet appear fleeting. Pentimenti are hardly possible here, as they would undoubtedly stand out as visible traces.

It is impressive how Grüttner manages to capture the essence of his painterly thought in his images, despite the monochrome backgrounds in yellow or blue and, for the most part, a colorless white-gray. What's more, the monocromacy underscores the consistency of his painterly universe and at the same time recalls his multicolored work, which thus appears all the more radical. On the other hand, the abstract pictorial spaces of the no less complex monochromatic compositions convey an unusual sense of calm compared to his familiar impulsive color worlds. When viewed as a whole, it is striking that here, too, the question of form and non-form is beyond discussion. Instead, the image is kept in a state of emergence and transience, rendering the search for a motif obsolete – a conceptual decision that can be considered the ultimate in abstract painting, but which rarely proves convincing.

It is irrelevant whether his work is classed as representational or non-representational, i.e., figurative or non-figurative, when he is more interested in the transitory state between these poles, in which he wants to keep his works when he declares them valid and releases them from his studio.

What is certain is that the painter and draftsman Daniel Grüttner understands the joyful introspection under the title Out of the Web less as a turning point and more as a reflection of his artistic means. It represents a moment of pause before turning to other artistic questions and advancing into new pictorial worlds.

Michael Hering

Director of the Staatliche Graphische Sammlung München

Daniel Grüttner, Titan I, 2024, Öl auf Nessel / Oil on nettle, 200 × 160 cm, Foto: Matthias Kolb, © Daniel Grüttner